Die Sehnsucht, Gott emotionaler zu begegnen

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Die Sehnsucht, Gott emotionaler zu begegnen

Überlegungen zu Gospelchören von Sönke Wittnebel

 

 

86 Gospelchöre sind beim Verband Evangelischer Kirchenmusik in Württemberg gemeldet. Es ist jedoch zu vermuten, dass eine ganze Reihe weiterer, nicht gemeldeter Chöre im „Schoß der Kirche“ oder zumindest in seiner Nähe existiert. Auch außerhalb der Kirche gründen sich viele Gospelchöre und nehmen somit geistliche Inhalte auf und geben sie weiter! Dieses bemerkenswerte Phänomen ist ja auch in weltlichen Oratorienchören zu beobachten, von denen viele gar fast ausschließlich geistliche Werke zur Aufführung bringen.

Die Existenz so vieler Gospelchöre spiegelt das Bedürfnis gegenüber der traditionelleren Musikpraxis nach noch emotionalerem musikalischem Glaubensausdruck wider, nach der Sehnsucht, Gott ungezügelter, rauschhafter zu begegnen, sich ihm zu nähern in der Gemeinschaft der Singenden und Zuhörer. Die Zuhörer werden dabei oft selbst zu Mitsingenden, so dass hier die Grenze zwischen Ausführenden und Auditorium fließend wird, eine Grenze, die normalerweise Distanz schafft und mithin Begegnung erschwert.

 

Hintergründe für die Wahl eines Gospelchores

Man kann auch vermuten, dass „traditionelle“ kirchliche Chöre nicht frei bleiben vom Vergleichen ihrer Interpretationen oder der Ausführung mit anderen Chören oder CD-Aufnahmen und den vermeintlichen Erwartungen der Zuhörer. Dadurch können sich Ängste und Anspannungen zwischen ausführende und zuhörende Menschen und die Musik schieben. Das gefährdet die Möglichkeit jener geheimnisvollen Gotteserfahrung beim Singen und Musizieren, dieser besonderen Chance der kirchlichen Musik. Unmerklich wird man dann vom Wesentlichen weggedrängt. Die Zuhörer sind hier oft viel sensibler als vermutet. Sie fragen sich: „Berührt die Musik die Ausführenden?“ Und: „Werde ich beim Wahrnehmen der Musik selber berührt und froh?“ Des öfteren scheint das vielleicht nicht in dem erhofften Maße zu gelingen. Was liegt näher, als in der Musik der Farbigen Amerikas danach zu suchen, die die emotionale Freiheit geradezu zu verkörpern scheint. Da die Gospelmusik zugleich eine der wesentlichen Quellen der populären Musik unserer Zeit darstellt, ist die Schwelle zudem deutlich niedriger als zur „klassischen“ Musik, denn viele Menschen konsumieren Popularmusik ja geradezu exzessiv.

 

Beispiele für gelungene Integration unterschiedlicher Generationen

Dass das Interesse an Gospels nicht etwa nur auf jüngere Menschen begrenzt ist, zeigen die unterschiedlichen Altersstufen in den Chören. Viele Chöre setzen sich zusammen aus Menschen unterschiedlichsten Alters; ein Beispiel für gelungene Integration der oft so unselig auseinanderdividierten Generationen. Dass Menschen sich nicht in Schablonen zwängen lassen, erkennt man daran, dass zum einen durchaus nicht jeder jüngere Mensch Gospels als „seine“ Musik empfindet und zum anderen gerade auch bei vielen älteren Menschen während des Erlebens von Gospels etwas zum Schwingen kommt. Leuchtende Augen, Mitsingen, Mitklatschen oder gar Tränen in den Augen älterer oder alter Menschen beim Erleben der Gospels sind beglückende Erfahrungen gerade für Gospelchorsängerinnen und Sänger, die den Zuhörern in die Gesichter schauen können.

 

Erscheinungsbilder

En passant stoßen wir auf weitere Charakteristika dieser Stilrichtung. Die allgemeine Atmosphäre bei Gospelkonzerten oder in Gottesdiensten mit Gospelmusik ist in der Regel deutlich lockerer, oder eine entspanntere Haltung entsteht. Von vielen Chören werden die Zuhörer zum Mitsingen, Schnipsen, Klatschen, ja Tanzen eingeladen. Konventionen sind noch nicht so festgelegt, wie beispielsweise bei Konzerten mit hochsensiblen Klängen, bei denen verständlicherweise schon das ungebremste Husten stört. Hüte man sich aber davor, der Gospelmusik einen geringen musikalischen Anspruch zu unterstellen!

Neben der „normalen“ schwarzen figurbetonten Kluft (oft mit farbigen Schals) der meisten hiesigen Chöre stellt das Tragen von wallenden festlichen Gewändern nach dem Vorbild amerikanischer Chöre durch einige Gospelchöre eine Besonderheit dar. Die Gewänder strahlen zum einen Festlichkeit aus, die zugleich auf das Höhere hinweisen, um das es in der Kirche geht. Zum anderen stellen sie das Amt der Verkündigung sichtbarer vor Augen. Der oder die Einzelne treten - bildlich gesprochen - in ihr Amt ein. Nebenbei sind etwaige Figur- oder Kleiderfragen gleich mit gelöst. Indem alle das gleiche Gewand tragen, wird die Gemeinschaftsaufgabe für die Zuhörer sichtbar und für die Sängerinnen und Sänger spürbar. Eine größere Aufgabe steht hinter den Singenden. Choreografische Elemente wie Steps oder Gesten beziehen auch den Körper sichtbar in diese Aufgabe ein. Dadurch drückt sich der Mensch ganzheitlicher aus, und nebenbei strömen die Klänge lockerer. Es gehört zum „guten Ton“ bei Gospelchören auswendig zu singen. Durch den so intensiveren Blickkontakt zum Dirigenten und zu den Empfängern klingt alles präsenter und „kommt“ die Botschaft leichter „rüber“. Bei den Singenden kann sich das Gelernte in tiefe Schichten senken und zum eigenen geistlichen Schatz werden! Wer weiß, wann einzelne Juwele daraus - auch bei einem Sänger, der zur Zeit noch eine größere Distanz zum Glauben haben mag - besondere Wichtigkeit erlangen werden…

 

Gospelchöre als Nische in der Gemeinde

Eine bemerkenswerte Beobachtung ist, dass sich Menschen mit geringerem Bildungsgrad tendenziell eher trauen in einem Gospelchor als in einem Konzertchor mitzusingen. Die Hürde, etwaigen Ansprüchen gerecht zu werden, erscheint manchem nicht so hoch. Somit entsteht in der Gemeinde durch den Gospelchor eine neue Nische. Neben den Menschen mit einem weiten musikalischen Horizont aus bereits bestehenden Gemeindechören führt der Gospelchor dann Menschen in die Gemeinde mit anderen zusammen, die dort sonst keinen „Raum“ für sich sähen. Auch hier gelingt durch Kirchenmusik Integration.

 

Chance der theologischen Reflektion der kirchenmusikalischen Ausübung

Geradezu spannend ist, was man gelegentlich bei Gospelchören erleben kann, die in einer früheren Phase bewundernswert authentisch gewirkt hatten. Akribisches und gar verbissenes Arbeiten führt zur Überperfektion, diese zu Sterilität und Verlust von Spontaneität. Wir, die wir alles selber in die Hand nehmen wollen, können durch die Gospelmusik unter anderem lernen, eine kluge Balance zu suchen zwischen der - ohne Frage notwendigen - bestmöglichen Ausarbeitung und Vorbereitung einerseits und dem Offenbleiben für das entscheidende Wirken des Heiligen Geistes. Wir stehen sonst in der Gefahr, Gott nicht das Letzte zu überlassen, eine Wiederholung der Turmbaugeschichte?! An dieser Stelle sei noch an die Improvisation als ein spezifisches Charakteristikum der Gospelmusik erinnert. Innerhalb mancher sich häufig wiederholender Abschnitte entsteht die Möglichkeit für ungeplante, spontane Einwürfe der Singenden, Spielenden oder auch der Zuhörer. Ein neuer Erfahrungsraum eröffnet sich, in dem sich die Genannten fallen lassen und dem Raum geben, „was kommen will“. Der Eindruck des Beschenktwerdens kann gerade dann besonders groß sein.

 

Gefahren und Chancen kommerzieller Gruppen

Man kann beobachten, dass Gospelkonzerte oder Gottesdienste mit Gospelmusik zumeist sehr gut besuchte Veranstaltungen sind, seien sie in oder außerhalb der Kirchen. Bei den kommerziellen, tourneeartig herumfahrenden Gruppen lässt sich gelegentlich eine schockierende Tendenz zu Showeffekten erkennen. Laolas, Klatschen auf die Eins und Drei oder bis an die Schmerzgrenze gehende Tonverstärkung sind zweifelhafte Kunstgriffe. Sensible Konzertbesucher wenden sich enttäuscht ab und empfinden geradezu einen Missbrauch von Geistlichem zugunsten von Profitstreben oder Selbstdarstellung Einzelner. Andere Gruppen können allerdings immer noch berühren und zeigen eine souveräne Musikalität verbunden mit einer faszinierenden menschlichen Ausstrahlung. Der Glaube scheint wie selbstverständlich durch diese Menschen und überzeugt ohne gewollt zu wirken. Wir Mitteleuropäer sollten uns nicht den „Stress machen“, diesen Vorbildern in allem gleich werden zu wollen. Andererseits sind Sätze wie „Das kann sowieso kein Europäer“ unangemessen. Man kann aber einiges lernen. Eine Reihe von Gospel-Workshops in und außerhalb der Kirchen wird angeboten. Darunter gibt es solche mit Tausenden von begeisterten Teilnehmern. Inspiration geben auch kleinere Fortbildungen. Auch innerhalb der kirchlichen Hochschulen und auf berufsbegleitenden Kursen wird Wissen über diesen faszinierenden Bereich geistlicher Musik vermittelt, der immer noch den Charme des Neuen hat. Lassen wir uns bereichern durch die neuen Erfahrungen, integrieren wir sie und gestalten nach und nach immer mehr unsere Gospelmusik, die durchaus auch eigenständig werden darf.

 

Es geht nicht darum, die eigene unermesslich reiche europäische Musikkultur über Bord zu werfen, aus der sich ja die Gospelmusik zu einem beträchtlichen Teil entwickelt hat. Man darf aber gespannt sein, wie der „Sauerteig“ in unserer geistlichen Musikkultur weiter wirkt, und auf unsere Haltung und Interpretation gegenüber unserer „angestammten“ Musik einwirkt. Gelegentliche gemeinsame musikalische Projekte zwischen dem Gospelchor und den Kinder-, Jugendchören und der Kantorei können helfen, unerwartete und bereichernde Erfahrungen zu sammeln. Dabei kann deutlich werden, auf wie faszinierend verschiedene Weise wir Gott loben können.