2017 - Pop-Oratorium "Luther"

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Ensemble (Bildrechte: Sönke Wittnebel)

"Luther"-Pop-Oratorium in der Schlosskirche
Ein Höhepunkt des Reformationsjubiläums

130 Mitwirkende aus Chören, es ist der Gospelchor "Almost Heaven", die Kantorei an der Schlosskirche, der Jugendchor sowie die Jungen- und Mädchenkantorei an der Schlosskrche, die KMD Wittnebel leitete, stellten sich mit dem Pop-Oratorium „Luther“  neuartigen und spannenden Herausforderungen. Durch eine Reihe von bundesweiten Aufführungen mit Tausenden von Mitwirkenden ist das Werk inzwischen sehr bekannt und wurde in der Friedrichshafener Schlosskirche am 6. und 7. Oktober jeweils um 19 Uhr als besonderer musikalisch-szenischer Beitrag zum Reformationsjubiläum aufgeführt.

 

Pressebericht des Südkurier vom 08.10.2017

Pop-Oratorium "Luther" wird großer Erfolg

Den Chören der Schlosskirche gelingt 100 Minuten lang ein mitreißendes Ereignis, das mit Pop, Gospel und Swing Geschichte lebendig macht.

Von Harald Ruppert, Bild: Rüdiger Schall

Bild: Rüdiger SchallDutzende gelbe Lichtkegel wirbeln über die reich verzierte Stuckdecke der Schlosskirche, als würden sie in den christlichen Himmel weisen und weit über 100 Kehlen bekennen mit viel Schwung und Soul ihren Glauben: "Wir sind Gottes Kinder, wo auch immer, keiner ist allein." Dieser Satz ist keine Selbstverständlichkeit, denn im Pop-Oratorium "Luther" von Dieter Falk und Michael Kunze macht die Kirche gute Geschäfte mit der Furcht des Volkes vor einem gnadenlosen Gott. Wenn nun die Freude der Gläubigen über Luthers Botschaft sich auch heute noch so durchschlagend auf die Bühne bringen lässt, wie groß mag sie damals erst gewesen sein? Diese Frage kann nur keimen, weil KMD Sönke Wittnebel und allen Chören der Schlosskirche hier 100 Minuten lang ein mitreißendes Ereignis gelingt, das mit Pop, Gospel und Swing Geschichte lebendig macht.

Etwa 160 Sängerinnen und Sänger befinden sich vor dem Altar, der Platz ist knapp – aber Sönke Wittnebel nutzt ihn ideal: er verzichtet auf eine Liveband und nutzt stattdessen den Raum für szenisches Spiel. Während die Instrumentalmusik aus der Konserve kommt, setzen die Solisten – alle aus der Mitte des Chores – die gesungene Handlung auch schauspielerisch um. Und das mit viel Witz: "In Worms ist Reichstag", singt der Chor; es klingt nach großer Welt und sieht auch so aus: Hinter einem Absperrband drängen sich Schaulustige wie heutzutage vor dem roten Teppich eines Filmfestivals – nur, dass hier "Juristen, Minister, päpstliche Boten" paradieren. Kunzes Liedtexte nehmen immer auch die große Politik auf die Schippe, von der Luthers Schicksal abhängt; und Andreas Thiele, der die Schauspielszenen erarbeitete, vergibt keine Gelegenheit, das optisch umzusetzen.

So machen vor dem jungen und unerfahrenen Kaiser Karl all die Schmeichler Männchen, die hoffen, zu Günstlingen aufzusteigen. Wie er es richtig macht, hat Karl schnell raus: Er "merkelt" sich durch die Malaisen. "Unklar bleiben, Widerstand vermeiden, erst zuletzt entscheiden – gut regieren!", singt Felix Beller als Karl mit der auftrumpfenden Geste des Schlaukopfs. Dieses Pop-Oratorium zündet auch deshalb, weil es im Mittelalter unsere Gegenwart karikiert. Vor allem dort, wo es um das große Geld geht: Andreas Thiele spielt den Kaufmann Fugger als Bling-bling-Mafioso. Die "wahren Werte" bemisst er in Heller und Pfennig; und deshalb muss Luther weg: "Er bekämpft den Ablasshandel, den wir im Voraus beleihn. Seinetwegen bricht der Ablassumsatz ein. Das darf nicht sein." Erstaunlich, wie genau die Verschlungenheit von Geld, Macht und Kirche unter die Lupe genommen wird!

Wie auch in klassischen Oratorien wird der Chor zum Universalwerkzeug, der unterschiedliche inhaltliche Positionen einnimmt – aber das stets mit Haut und Haaren. Skeptisch und zweifelnd fragt der Chor in der Rolle des Volkes, was es mit diesem Luther auf sich hat, steht dann mit Inbrunst auf seiner Seite, nur um sogleich enttäuscht zu sein, als "Bruder Martin" beim ersten Verhör schweigt und verunsichert wirkt. In der Gefolgschaft von Kaiser und Kirche bricht der Chor aber auch in geifernde Empörung aus, als Luther schließlich standhaft bleibt. Sven Hanagarth gibt der Rolle Luthers die Aura des Hoffnungsträgers, der im Verzicht auf große Gesten lauter wirkt – und dabei ebenso standhaft wie zerbrechlich in der Maschinerie der Mächte, in die er gerät.

Willi Böhler läuft als Faber, Luthers Ankläger, zu großer Form auf, stimmlich sehr stark und mit herablassendem Unterton in jeder Silbe. Michaela Hayen und Julia Funes teilen sich die Rolle der Lara – einer Kunstfigur, die Persönliches aus Luthers Leben berichtet und die von beiden geradezu herzweitend gesungen wird. Weiter gesteigert wird die Emotionalität durch eine aufwändige Lichtregie. Wenn etwa der junge Luther sein Leben Gott verschreibt, weil er in einem Gewitter Todesängste aussteht, ist auch das Publikum mittendrin: dafür sorgen wütende Lichtblitze. Im hinteren Teil der Kirche lässt die Akustik trotz aller Anstrengungen nach und gelegentlich spielen die Headsets den Solisten kleine Streiche, aber ihre enge Verzahnung mit dem Chor ist so gut einstudiert, dass der Funke überspringt – denn Chor und Solisten sind miteinander verschränkt wie die Call-and-Gesponse-Gesänge im Gospel und im Blues, und sie gehen dem Publikum ebenso ins Blut. Die Chormitglieder selbst werden natürlich als erste davon gepackt. Insbesondere mancher Knirps der Mädchen- und Jungenkantorei tanzt beim Singen zu den Pop-Beats fast davon.

Den Untertitel "Das Projekt der tausend Stimmen" haben Kunze und Falk ihrem Pop-Oratorium gegeben. In der Schlosskirche ist es aber auch ein Projekt darstellerischer Talente, die bei einem geistlichen Konzert sonst nicht zum Tragen kommen. Zudem setzt es Glücksgefühle frei, bei "Luther" als Sänger in ein Meer von Unisono-Stimmen einzugehen; in barocken Gesangsfugen wird der Gefühlshaushalt der Sänger ja doch stärker von der Disziplin bestimmt. Und wie gut ein solches Projekt, in das alle Chöre der Schlosskirche eingebunden sind, dem inneren Zusammenhalt tut, das zeigt die Strahlkraft der Melodien, mit denen man nach Hause geht. Sie steht nämlich nicht in den Notenblättern allein.